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Guten Abend aus der rethink-Redaktion.
Wer gewinnt heute in Belgrad und Brasilia? In beiden Ländern kommt es heute zu richtungsweisenden Wahlen. Zuerst beleuchten wir aber die gewaltsamen Ausschreitungen vergangenes Wochenende in Frankreich und die Folgen des Cyberangriffs auf die Pensionskasse des Bundes.
Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre!
Von Frankreich nach Europa.
Nach den Schülerprotesten in ganz Frankreich gingen letztes Wochenende noch einmal deutlich mehr Menschen auf die Strassen. Sie protestierten gegen ein Leben, das immer teurer wird, und forderten, dass die Regierung in Bildung, Gesundheit und bezahlbaren Wohnraum investiert. Von Frankreich aus breiteten sich die Proteste auf andere Länder Europas aus, darunter Belgien, Griechenland, Albanien, Italien, Deutschland und Spanien. Zwar unterscheiden sich die konkreten Gründe von Land zu Land. Doch sie durchzog ein Grundmotiv: hohe Lebenshaltungskosten, soziale Ungleichheit, Wohnungsnot und fehlende Zukunftsperspektiven.
Während den Protesten kam es auch zu Ausschreitungen und Plünderungen: In Limoges setzten Randalierer das unter Denkmal stehende Rathaus in Brand. Das 143 Jahre alte Gebäude war in Flammen aufgegangen, der Glockenturm stürzte ein. In vielen Städten plünderten sie Geschäfte und verletzten rund 600 Polizist:innen. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein und nahm mehr als 2’000 Menschen fest.
Die gewaltsamen Proteste in Frankreich zeugen von den massiven ungelösten Konflikten im französischen Sozialgefüge. Und sie könnten der Anfang vom Ende Macrons werden: Die Strassenschlachten lassen es wahrscheinlicher werden, dass Marine Le Pen – die Frau vom rechten Rand – nächsten April die Nachfolge von Emmanuel Macron antritt.
Es darf aber nicht vergessen werden, dass die regelmässige Wiederkehr von heftigen Ausschreitungen zu den politischen Gebräuchen Frankreichs gehören, das nicht umsonst die Wiege der grossen bürgerlichen Revolution gewesen ist. Etwa die gewaltigen Banlieue-Proteste 2005, die Massenbewegung gegen die Rentenreform 2010, die Mobilisierung gegen die Arbeitsmarktreform 2016, die Gelbwestenbewegung 2018 und 2019, die Massenstreiks gegen die Rentenaltererhöhung 2023, die schweren Banlieue-Krawalle wegen der Erschiessung eines Siebzehnjährigen durch die Polizei, ebenfalls 2023: Der aktuelle Gewaltausbruch ist ein ernstes Krisensymptom, aber gewiss nicht der Beweis, dass der französische Staat ganz plötzlich nun dem Untergang geweiht ist.
Derweil haben die radikalen Rechten die Schuldigen bereits identifiziert und erzählen es reihum weiter. Ex-Nationalrat, Weltwoche-Chef und Putin-Freund Roger Köppel behauptete: “Das ist die importierte Kriminalität, das ist das importierte Verbrechen. Wir sehen jetzt Szenen, wie man sie sonst aus Afrika kennt. Das ist die Afrikanisierung von Europa.”
Diese “Afrikanisierung” ist rund um den Globus zum bevorzugten talking point der Rechtsextremen geworden. US-Vizepräsident JD Vance postete auf dem Nachrichtendienst Twitter, dass westliche Liberale “die Dritte Welt nach Frankreich” importiert hätten – was nun auch in den USA drohe, falls die Demokrat:innen die Zwischenwahlen im November gewinnen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der ebenfalls im Wahlkampf ist, erzählte im israelischen Fernsehen, er habe seinem Amtskollegen Macron erklärt: “Wenn wir die Hamas nicht hier stoppen, dann werdet ihr sie auf den Strassen von Paris haben. Und das ist ganz genau, was jetzt geschieht.”
Frankreich zeigt nicht nur, dass aus allen Ecken das politische Narrativ zu dominieren versucht wird. Sondern auch, dass es sich nicht mehr um eine Frage des wirtschaftlichen Reichtums handelt, sondern um die Frage, wie dieser Reichtum verteilt wird. Und je weiter die Vermögensschere auseinander geht, desto explosiver wird die Situation in der Gesellschaft.
Lösegeldforderung bei der Pensionskasse des Bundes.
Anfang Oktober wurde ein Cyberangriff bei der Pensionskasse des Bundes, Publica, bekannt. Nun sind neue Details bekannt geworden. Das zeigen Recherchen von “Tages-Anzeiger” und “SonntagsBlick”. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Daten von praktisch allen Bundesangestellten abgeflossen sind. Betroffen sind auch Angestellte beim Bundesamt für Polizei Fedpol und dem Nachrichtendienst des Bundes NDB, die unter einer Tarnidentität arbeiten. Ausländische Geheimdienste oder kriminelle Organisationen könnten die Mitarbeitenden möglicherweise nun identifizieren und lokalisieren.
Verantwortlich für den Cyberangriff ist die berüchtigte Hackergruppe Akira, vor der die Bundesanwaltschaft, das Fedpol und das Bundesamt für Cybersicherheit noch im Oktober 2025 gemeinsam gewarnt hatten. Sie griffen Ende September auf die Server eines kleinen IT-Unternehmens zu und stahlen private und sensible Informationen zu mehr als hunderttausend früheren und aktuellen Angestellten des Bundes und von bundesnahen Betrieben. Betroffen sind auch Alt-Bundesräte, nicht aber die amtierende Landesregierung.
Bei den erbeuteten Daten handelt es sich um Namen, Geburtsdaten, Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen, AHV-Nummern, Lohnangaben und zum Teil auch Bankverbindungen. Abgeflossen seien auch Angaben zu Zivilstand, Ehepartnern beziehungsweise Lebenspartnerinnen und teilweise sogar zu Kindern. Die Sicherheitsbehörden des Bundes gehen davon aus, dass die Daten für Betrugsnachrichten via SMS, Telefon und E-Mail eingesetzt werden.
Akira verlangt nun für die Pensionskassendaten Lösegeld. Die Hacker drohen mit der Publikation oder dem Verkauf der Daten, wenn der Bund nicht zahlt. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik Sepos hat eine Taskforce eingesetzt.
Redenswerte Wahlen.
In Serbien fand heute die vorgezogene Parlamentswahl statt. Es zeichnete sich eine hohe Wahlbeteiligung ab. Angaben örtlicher Wahlbeobachter zufolge war diese in den ersten drei Stunden mehr als doppelt so hoch wie im selben Zeitraum bei der Wahl 2023.
Die Wahlberechtigten sind aufgerufen, die 250 Abgeordneten der Volksversammlung zu wählen.
Die Wahl entscheidet auch darüber, ob Aleksandar Vučić seine laut Kritikern autoritär ausgeübte Macht erhalten kann. In wechselnden Funktionen bestimmt der 56-Jährige bereits seit 2012 die Politik des Landes. Ihm werden Korruption und Verbindungen zur organisierten Kriminalität vorgeworfen. Vučić war Ende September von seinem Amt als Staatspräsident zurückgetreten, um im Falle eines Wahlerfolgs seiner Partei Regierungschef zu werden. Die zweite Amtszeit von Vučić als Präsident wäre im Mai nächsten Jahres geendet. Ein drittes Mal hätte er nicht kandidieren können.
Hintergrund:
Vor knapp zwei Jahren, am 1. November 2024, stürzte das Bahnhofsvordach in Novi Sad ein und sechzehn Menschen starben. Aus Wut über die mutmassliche Korruption, die das Unglück verursachte, entstand die Studierendenbewegung. Eine Bewegung, die zum Bürgerprotest anwuchs und in einer eigenen Wahlliste mündete.
Doch die Studierenden stellen sich nicht selbst zur Wahl. Sie wählten Bauern, Schriftstellerinnen oder Ökonomen aus. Alle waren bisher nie in der Politik. Und die Liste tritt erklärtermassen nur für eine Amtszeit an. Innerhalb von vier Jahren wollen sie als technokratische Übergangsregierung die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen. Danach soll die Politik wieder übernehmen. Die meisten Oppositionsparteien haben sich selbst zugunsten der Studierenden aus dem Rennen genommen. Es läuft daher auf einen Zweikampf hinaus, in dem laut unabhängigen Umfragen die “Studentska Lista” die Nase vorn hatte.
Die Wahllokale schliessen um 20 Uhr. Es gibt keine Wahltagsumfragen und keine Hochrechnungen. Mit aussagekräftigen Teilergebnissen wird am späten Sonntagabend gerechnet.
Brasilien:
Und in Brasilien findet heute die Stichwahl im Präsidentschaftswahlkampf statt. Brasilien steht vor einer Richtungsentscheidung: Flávio Bolsonaro, Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten Jair, fordert Lula da Silva heraus.
Im ersten Wahlgang Anfang Oktober lag Bolsonaro knapp vor dem Amtsinhaber Lula. Die beiden Kandidaten verfolgen unterschiedliche wirtschafts- und sicherheitspolitische Ziele, auch im Verhältnis zu den USA gehen ihre Vorstellungen auseinander.
Bei einem Sieg Lulas wäre mit einer Fortsetzung seiner bisherigen Sozial- und Aussenpolitik zu rechnen. Regieren müsste er allerdings weiterhin mit einem überwiegend konservativen Kongress. Besonders wichtig wären dabei die Parteien des sogenannten Centrão, eines pragmatischen Bündnisses, das seine Unterstützung häufig von der Vergabe politischer Ämter und Einflussmöglichkeiten abhängig macht.
Flávio Bolsonaro könnte dagegen auf grössere Teile des konservativen Lagers zählen. Er will seinen Vater begnadigen und einen wirtschaftsliberaleren Kurs einschlagen. Auch in der Sicherheits- und Umweltpolitik wären Veränderungen zu erwarten. Außenpolitisch dürfte sich Brasilien unter ihm enger an die USA binden.
Mit Rückhalt im Kongress könnte Bolsonaro versuchen, den Einfluss der Justiz und anderer Kontrollinstanzen zu begrenzen. Hinzu kommt die Unterstützung aus den USA. Anders als sein Vater während der Präsidentschaft Joe Bidens könnte Flávio Bolsonaro unter Donald Trump mit politischer Rückendeckung rechnen.
Die Wahllokale schliessen um 17 Uhr Ortszeit, also 22 Uhr Schweizerzeit. Mit ersten Ergebnissen ist in der Nacht auf Montag zu rechnen.
Das wird nächste Woche relevant.
Am Dienstag wählt Israel ein neues Parlament. Die Wahl wird auch als Volksurteil über die Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 betrachtet. Als Netanjahus aussichtsreichster Konkurrent gilt der ehemalige Generalstabschef Eisenkot, dessen Zentrums-Partei Jaschar in Umfragen gleichauf mit Netanjahus Bündnis liegt. Eisenkot verortet sich politisch in der Mitte und grenzt sich von Netanjahus Politik mit den ultrarechten Parteien ab, ist jedoch schon mit umstrittenen Aussagen aufgefallen.
Bleiben der Blick auf’s Wetter.
Zu Beginn der Woche noch Niederschlag möglich, danach meist Sonnig. Höchsttemperatur im gesamten Wochenverlauf bei rund 13 Grad.
Und damit sind wir am Ende des heutigen Weekly angelangt. Schön warst Du wieder mit dabei. Wie immer freuen wir uns über dein Feedback und dass du uns weiterempfiehlst.
Redaktionsschluss: 18:45 Uhr
Weekly 43/2026
Mit Informationen von: srf.ch, republik.ch, zeit.de, deutschlandfunk.de, mdr.de, tagesschau.de
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