Weekly, KW 44

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Die rethink-Redaktion grüsst Dich höflichst an diesem 1. November!

Druckfrisch flattert dieses heutige Weekly in die gut geheizten Stuben in der Schweiz. Oder zumindest in die Mail-Postfächer. Schön, dass Du auch deines dazugehört.

Wir fassen Dir heute die vergangenen Wahlen in Serbien, Brasilien und Israel zusammen (Spoiler: So ganz einfach ist es nicht). Und im Fokus ist heute die am Montag angekündigte Grossfusion der Migros-Genossenschaften. Wir zeigen auf, was das bedeutet, was sich ändert und wie viel über den Zeitplan bekannt ist.

Viel Spass bei der Lektüre.

Die Migros baut um.

Gleich mehrmals fällt am Montagmorgen in Bern das Wort “historisch”. Und gleich alle 11 Präsidentinnen und Präsidenten der regionalen Genossenschaften und des Migros-Genossenschaftsbundes treten gemeinsam mit der Verwaltungsratspräsidentin vor die Medien. Mit dem Medienauftritt soll klar werden, dass die gesamte Migros-Führung – von Genf bis St. Gallen, von Zürich bis ins Tessin – hinter dem Vorhaben steht. Die sogenannten Regionalfürsten, also die Präsidien der einzelnen Genossenschaften wurden in vergangener Zeit immer wieder kritisiert, dass sie zu viel Macht horten.

Was jetzt passiert:
Damit ist nun vorbei. Die Regionalgenossenschaften werden aufgelöst, dafür eine einzige Gruppengenossenschaft gegründet. Diese soll das Dach über die gesamte Migros-Gruppe bilden und hat wie der heutige Genossenschaftsbund ihren Sitz in Zürich. Zu ihr gehören sieben Geschäftseinheiten: das Supermarktgeschäft, die Migros-Industrie, das Online-Warenhaus Digitec Galaxus, die Discount-Tochter Denner, das Tankstellen- und Snackshop-Geschäft von Migrol und Migrolino, die Migros Bank sowie die Arzt- und Apothekenkette Medbase. Diese Einheiten werden ihr nationales Geschäft eigenständig betreiben. Auch das schweizweite Supermarktgeschäft wird künftig aus einer Hand geführt, aber in fünf Regionen aufgeteilt, die für Marketing und Logistik in ihrem Gebiet zuständig sind.

Aber die Regionen verlieren nicht jegliche Macht im Migros-Universum. Und deshalb bleibt es kompliziert: Künftig sollen sechs Regionalräte geschaffen werden. Diese sollen die Anliegen ihrer Regionen einbringen und Delegierte wählen. Die Delegiertenversammlung wiederum soll auf nationaler Ebene bei strategisch wichtigen Entscheiden mitbestimmen können.

Hintergrund:
Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hatte in den 1940er-Jahren bewusst eine dezentrale Organisationsform mit eigenständigen, regionalen Genossenschaften gewählt, weil er eine starken Zentrale misstraute. Bisher galt dieses Erbe als unantastbar.

Doch in den vergangenen Jahren ist der wirtschaftliche Druck auf die regionalen Genossenschaften und die Migros-Zentrale so gross geworden, dass dieser Schritt nun unausweichlich geworden ist. Damit will die aktuelle Führung um Mario Irminger den Grundstein legen für eine Migros, die für die Zukunft gerüstet ist und sich im harten Wettbewerb im Detailhandel behaupten kann.

Konkurrent Coop hat eine solche Zentralisierung bereits vor 25 Jahren vorgenommen und profitiert bis heute davon.

Wie sieht der Zeitplan aus?
Mitte 2027 können die 2,3 Millionen Genossenschafter:innen endgültig über die Zentralisierung abstimmen. Was passiert, falls einige Regionalgenossenschaften diese nicht annehmen, oder die gesamte Genossenschaft nicht hinter den Plänen steht, das ist aktuell nicht klar. Mario Irminger sagte gegenüber CH Media am Mittwoch, dass es einen Plan A gebe, aber bis heute keinen Plan B. Er sei zutiefst überzeugt davon, dass die Abstimmung erfolgreich sein werde. Sollte es anders kommen, müsse die Lage neu beurteilt werden.

Kommt es zum Stellenabbau?
Bei der Fusion von Coop vor 25 Jahren wurden innerhalb von drei Jahren netto rund 3’200 Stellen abgebaut. Ob dies auch bei der Migros der Fall sein wird, kann Irminger noch nicht sagen. Wichtig war ihm zu betonen, dass die Migros diesen Schritt auch gegangen wäre, wenn er null Franken Einsparungen bringen würde: “Die neue Struktur ermöglicht es uns, schneller und agiler zu werden. Das ist das Entscheidende.”

Langfristig werde die Migros eher mehr als weniger Angestellte haben. “Wir sind zutiefst überzeugt, dass wir darauf achten müssen, künftig genügend kompetente Mitarbeitende zu haben, damit wir die anstehenden Aufgaben überhaupt erfüllen können. Wir sehen das beispielsweise auch bei der Migros-Industrie und in unseren Filialen. Wir müssen genügend Fachkräfte haben, um gute Leistungen erbringen zu können.”

Auf der Kippe stehen dürften dabei etliche Führungsposition und Stellen in der Verwaltung. Die Migros-Spitze wird aber nicht müde zu betonen, dass jedes Jahr rund 10’000 Stellen in der gesamten Gruppe neu zu besetzen sind. Durch diese natürliche Fluktuation sollen keine Entlassungen ausgesprochen werden müssen.

Israel hat gewählt. Sich aber nicht entschieden.

Israel hat gewählt. Sich aber nicht entschieden.

Redenswerte Wahlen.

Am Dienstag wählte die Stimmbevölkerung in Israel 120 neue Parlamentarier:innen in die Knesset, also das Parlament. Auch nach der vollständigen Auszählung aller Stimmen steht kein klarer Sieger der Parlamentswahl fest: Weder die Regierungskoalition von Benjamin Netanjahu noch das Oppositionslager von Gadi Eisenkot konnten eine absolute Mehrheit erreichen.

Die bisherige Koalition aus rechten, rechtsextremen und religiösen Parteien kommt auf 53 Sitze im Parlament (2022: 64 Sitze). Für eine Mehrheit bräuchte es 61 Mandate.

Als zweitstärkste Kraft geht die von Eisenkot neu gegründete Mitte-Partei Jaschar aus der Wahl hervor. Ihr Oppositionsbündnis vereint insgesamt 48 Mandate auf sich. Die beiden arabischen Parteien holen zusammen 19 Sitze – ein historisches Ergebnis.

Das Parlament führt zu einem Patt im Parlament – und zu einer schwierigen Regierungsbildung.

Hintergrund:
Die Wahl in Israel beobachtete die ganze Welt, besonders auch Europa. Denn das Land ist international isoliert wie selten zuvor. Allein im September haben zwölf Länder Sanktionen gegen völkerrechtswidrige israelische Siedlungen angekündigt. Gegen Netanjahu liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof vor. Reisen nach Europa sind für ihn heikel.

Die Wahl zeigt aber auch, wie gespalten dieses Land ist. Netanjahus Regierungszeit ist geprägt von Protesten gegen eine geplante Justizreform, die Hunderttausende in Israel auf die Strassen brachte. Die Kritiker befürchteten das Ende der unabhängigen Justiz. Auf diesen innenpolitischen Disput folgte im Oktober 2023 der Terrorangriff der Hamas auf Israel, mit 1195 überwiegend jüdischen Todesopfern das grösste Massaker und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an Juden seit dem Holocaust. Netanjahu und seine rechts-religiöse Regierung reagierte mit aller Härte gegen die Hamas, es folgte die fast vollständige Zerstörung des Gazastreifens mit Zehntausenden Todesopfern, ein Grossteil davon Zivilist:innen und Kinder. Seit dem 7. Oktober 2023 hat Benjamin Netanjahu Israel in Kriege gegen die Hamas, gegen die Hisbollah im Libanon und zusammen mit den USA gegen Iran geführt. Ihm wird vorgeworfen, dass er keine Untersuchungskommission zum 7. Oktober einsetzen will, die aufzeigen könnte, was die Geheimdienste und die Regierung über die Aktivitäten der Hamas vorgängig wusste. Netanjahu ist bis dato eigentlich der einzige Politiker, der keine Verantwortung übernahm. Gleichzeitig wehrt sich seine Regierung, die auch aus ultra-orthodoxen Juden besteht, vehement dagegen, dass Orthodoxe nicht ins Militär müssen.

Ein Teil der Israel:innen wünscht sich einen säkularen Staat, der im besten Fall in Frieden mit seinen Nachbarländer lebt und sich niemand für seine Regierung im Ausland schämen muss. Auf der anderen Seite sehen viele jüdische Israelis der Staat Israel als einziger Garant für ihre Sicherheit in der Region, umgeben von muslimischen Staaten. Aus ihrer Sicht braucht es das bisherige Vorgehen Netanjahus in der Region.

Und da bleiben noch viele jungen Menschen, die keine Zukunft mehr sehen in ihrem Heimatland. Nach der Wahl sagte eine junge Frau gegenüber Radio SRF, dass sie auswandere, wenn die nächste Regierung wieder von Benjamin Netanjahu geführt werde. Sie wäre nicht die erste: In den letzten drei Jahren sind rund 270’000 junge Israel:innen ausgewandert, viele davon sehr gut ausgebildet.

Was jetzt passiert:
Am 4. November wird das offizielle Resultat Präsident Isaac Herzog übergeben. Er empfängt die Parteien und beauftragt jemanden mit der Regierungsbildung. Das kann Netanjahu sein, aber auch Eisenkot. Diese Person erhält 30 Tage, respektive mit Verlängerung 60 Tage, um eine Regierung zu bilden. Scheitert dieser Versuch, erhält die andere Seite die gleiche Frist, kommt auch hier keine Regierung zustande, muss der Staatspräsident Neuwahlen ausrufen. Bis dahin bleibt die bisherige Regierung unter Benjamin Netanjahu im Amt.

Rückblick.

Zum Schluss schauen wir zurück auf die Wahlen vom vergangenen Sonntag in Serbien und Brasilien.

Serbien:
Bei den Parlamentswahlen in Serbien hat die Studierendenbewegung überraschend triumphiert und Aleksandar Vučić hat die Niederlage seiner politischen Bewegung eingestanden. Die Wahl gilt als historischer Einschnitt nach 14 Jahren politischer Dominanz von Vučić und seiner Partei.

Trotz des klaren Wahlsiegs ist aber vieles offen. Das grösste Fragezeichen: Wer wird nun Regierungschef?

Der Listenführer, Ilija Srdanovic, gilt nicht automatisch als Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt. Wer Premierminister wird und wer welcher Minister, soll erst in den kommenden Tagen entschieden werden.

Nach Einschätzung von Florian Bieber, Professor für südosteuropäische Politik und Geschichte der Universität Graz, gegenüber der deutschen Tagesschau ist das ein spannendes Experiment - aber nicht ohne Risiko. "Es war clever bis Sonntagabend. Das ist natürlich jetzt anders. Jetzt müssen sie an die Öffentlichkeit gehen. Jetzt müssen sie auch transparenter sein."

Eine breite Bewegung könne zwar eine Regierung stürzen - aber nicht regieren, so Bieber. Es stünden große Aufgaben bevor: "Die Justiz, die Staatsanwaltschaft, alle Institutionen sind unter Kontrolle von Vučićs Leuten", sagt der Serbien-Experte. Kritiker werfen Vučić vor, die Demokratie in Serbien ausgehöhlt und Andersdenkende sowie unabhängige Medien unterdrückt zu haben.

Brasilien:
Weniger ruhig ging es nach den Wahlen in Brasilien weiter. Der bisherige Präsident Lula da Silva holte nach dem ersten Wahlgang auf und entschied den Stichkampf vergangenen Sonntag für sich. Damit unterlag Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten, dem linken Lula.

International ist Lulas Wiederwahl ein wichtiges politisches Signal – und ein Rückschlag für Donald Trump. Er hätte mit Flávio Bolsonaro einen engen politischen Verbündeten an der Spitze der grössten Volkswirtschaft Lateinamerikas gewonnen. Stattdessen dürfte Brasilien unter Lula seinen eigenständigen aussenpolitischen Kurs fortsetzen, mit engen Wirtschaftsbeziehungen zu China.

Nach seiner Niederlage war der rechtspopulistische Bolsonaro mit seiner Frau seinen Kindern nach Miami in den USA geflohen. Die Flucht war trotz eines Ausreiseverbots des obersten Gerichtshofs über Argentinien und Ecuador geschehen. Bolsonaro begründete dies selbst mit “politischer Verfolgung”. Trotz seiner Ausreise wolle er in Zukunft erneut kandidieren.

Gegen Flávio Bolsonaro ermittelt die brasilianische Polizei unter anderem wegen Korruptions- und Geldwäscheverdachts im Zusammenhang mit einem Film über seinen Vater Jair Bolsonaro. Nach seinem Umsturzversuch nach seiner Wahlniederlage im Jahr 2022 war dieser zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Weitere Nachrichten in Kürze.

Ausschreitungen in Zürich und Basel:
Am Samstagabend kam es zu Demonstrationen in beiden Städten. In Zürich beteiligten sich laut der Polizei einige Hundert Personen an der Demo. Linksextreme Gruppierungen hatten dazu aufgerufen.

In Basel zogen rund 150 Personen durch die Innenstadt.

Gemäss einer Mitteilung der Stadtpolizei Zürich griff ein gewaltbereiter Mob die Einsatzkräfte mit Feuerwerk, Steinen und Flaschen an. Diese wiederum setzten Wasserwerfer, Reizstoff und Gummischrot ein.

Zu der Kundgebung in Zürich hatten linksextreme Gruppierungen aufgerufen. Abgesehen von skandierten Parolen aus der linksextremen Szene liess aber wenig auf den eigentlichen Grund der Demo schliessen. Transparente fehlten.

Feuerpause in besetzter ukrainischer Stadt an der Front:
Seit Dienstag sind die Kämpfe in der ukrainischen Stadt Oleschky in Cherson, nahe der Halbinsel Krim, vorübergehend eingestellt. Russland und die Ukraine haben sich bis mindestens Sonntagabend zu einer lokalen Feuer­pause bereit erklärt. Laut amerikanischer Darstellung wurde die Feuer­pause von First Lady Melania Trump vermittelt. Auch Papst Leo XIV. hat sich dafür eingesetzt.

Schätzungsweise halten sich 2’000 bis 6’000 Menschen in Oleschky auf. Vor dem Krieg lebten 24’000 Menschen in der Stadt. Die verbleibenden Bewohnerinnen sind eingeklemmt zwischen dem Fluss Dnipro und russischen Truppen. Sie verfügen über keinen Strom, kein fliessendes Wasser und waren vollkommen auf die Versorgung durch ukrainische Drohnen angewiesen. Laut Medienberichten konnten sich manche Bewohner einzig von Suppe aus etwas Gemüse und gekochtem Gras ernähren. Mit der temporären Feuerpause sollen nun Hilfs­lieferungen in den Ort gelangen, und Bewohnerinnen sollen die Stadt verlassen können.

Bleibt der Blick auf’s Wetter:

Ab Wochenbeginn bis Mittwoch auf der Alpennordseite Hochnebel mit Temperaturen bis maximal 10 Grad. Dazu mässige Bise. Ab Donnerstag besteht die Chance, dass sich der Hochnebel im Tagesverlauf auflöst. Das Wochenende ist noch unsicher: Sonnig und etwas Niederschlag nicht ausgeschlossen.

Und damit sind wir am Ende des heutigen Weekly angelangt. Schön warst Du wieder mit dabei. Wie immer freuen wir uns über dein Feedback und dass du uns weiterempfiehlst. 


Redaktionsschluss: 18:30 Uhr
Weekly 44/2026

Mit Informationen von: srf.ch, republik.ch, zeit.de, tagesschau.de, luzernerzeitung.de, aljazeera.com, bpb.de

Headerbild von Milad Fakurian auf Unsplash

© rethink-blog 2026

Oli Wingeier

Oli, findet alles Neue spannend und erstmal gut, ausser die neuen Rechten. Duscht jeden Morgen zu lange, besitzt mehr als tausend Notizbücher und zu viele Gedanken (oder umgekehrt).
Für rethink wühlt er sich jede Woche durch etliche Nachrichten und kreiert dann daraus eine Zusammenfassung der wichtigsten News. Zu lesen und hören als “Weekly”

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