Weekly, KW 21

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Guten Abend aus der rethink-Redaktion

Heute geht es um die mehr oder weniger ernstgemeinte Kakerlaken-Partei in Indien und um den israelischen Sicherheitsminister, der mit seinem Vorgehen gegen internationale Aktivist:innen für diplomatisches Aufsehen sorgt. Wir beginnen aber in der Schweiz und mit einer überraschenden Meldung des Vereins Netzcourage. Seit zehn Jahren unterstützt dieser Betroffene von digitaler Gewalt. Nun stellt er seine Angebote ein.

Das Aus von Netzcourage.

Gewalt im digitalen Raum nimmt immer mehr zu. Sei es Cybermobbing, Deepfake-Pornografie oder Hasstiraden in Kommentarspalten. Für viele Betroffene ist das Alltag, mit belastenden Folgen. Anlaufstellen gibt es in der Schweiz nur wenige. Eines davon war Netzcourage. Der Verein hat sich zehn Jahre lang in diesem Bereich engagiert - als erste spezialisierte Stelle in der Schweiz. Gegründet hat ihn unter anderem die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess. Laut eigenen Angaben hat Netzcourage “mehrere hundert Betroffene” beraten. Hinzu kamen Workshops und Öffentlichkeitsarbeit. Nun hört der Verein auf. Stellt seine Hilfsangebote ein.

Im SRF Hintergrund-Podcast “NewsPlus” erklärte Jolanda Spiess:

"Man ist dann mit 1'200 Mitgliedern irgendwann nicht mehr ganz so agil. Das Konstrukt Verein ist nicht mehr das Richtige. Und da komme ich auf den Grundsatz: Die Bekämpfung digitaler Gewalt, kann unmöglich die Aufgabe eines privaten Vereins sein.

Wir versuchen mit OSINT-Methoden, also mit ganz normalen Möglichkeiten, diesen Hass einzudämmen. Ich glaube, auf der persönlichen Ebene können wir das auch ganz gut. Ich bin davon überzeugt und war es eigentlich schon vor zehn Jahren, dass es eigentlich Staatsaufgabe wäre, in der Schweiz für die Bekämpfung von digitaler Gewalt zu sorgen. Und das ist halt leider bis heute nicht passiert.”

Darum gebe man nun offiziell auf. Bleibt nun noch mehr die Frage: Was tun, wenn ich Opfer digitaler Gewalt werde? So simpel die Frage, so einfach ist die Antwort nicht.

Jolanda Spiess: “Wenn Netzcourage nicht da ist, gibt es diese Beratungsstelle nicht für Gewaltbetroffene von Online-Hass.”

Immerhin gebe es die Opferhilfe. Wie diese ihr Angebot anpasse, kann die Geschäftsführerin von Netzcourage nicht vorhersagen. In der Vergangenheit sei es so gewesen, dass die Opferhilfe Betroffene zu Netzcourage geschickt habe für eine Beratung. Der Verein setzte diese kostenlos und ohne Abrechnungsmöglichkeit um: “Und das ist eben auch ein Grund: Wir können und wollen das nicht länger so laufen lassen”.

Und als wichtige Anlaufstelle bleibe auch die Polizei. Gemäss Jolanda Spiess nehme man Betroffene von digitaler Gewalt ernster als noch vor Jahren. Doch es bleibe Luft nach oben.

Für Kinder und Jugendliche bietet zudem Pro Juventute eine niederschwellige Anlaufstelle. Die Stiftung betreut auch Fälle von Cybermobbing. Sie redet mit Betroffenen und vermittelt bei Bedarf an andere Stellen wie die Opferhilfe oder die Polizei. Aber eine nationale Beratungsstelle, spezialisiert auf digitale Gewalt – das gibt es in der Schweiz aktuell nicht.

Eine solche Anlaufstelle fordert etwa das Kinderhilfswerk Unicef - und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf den Kinder- und Jugendschutz. Jürg Keim ist Mediensprecher bei Unicef Schweiz, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Er sagte gegenüber Radio SRF: “ Digitale Gewalt passiert oft im Verborgenen und viele junge Betroffene haben das Gefühl, dass wir Erwachsene die Situation wahrscheinlich nicht richtig verstehen oder sie unterschätzen. Und ausserdem ist auch die psychische Gesundheit nach wie vor ein Thema, das in der Schweiz stark tabuisiert oder auch verharmlost wird und gleichzeitig ist es für Betroffene oft unklar, welche Stelle überhaupt zuständig ist.”

Deshalb sei es so wichtig, dass Kinder und Jugendliche erkennen, dass es ganz normal sei, über sein Wohlbefinden zu sprechen und dass sie auch wissen, welche niederschwelligen Angebote bestehen würden.

Es brauche deshalb eine spezialisierte, niederschwellige Stelle, mit klarem Auftrag und sicherer Finanzierung. Digitale Gewalt bringe ganz spezifische und neue Herausforderungen mit sich. Bestehende Angebote – wie etwa Sensibilisierungsworkshops an Schulen – seien wertvoll und wichtig, aber nicht ausreichend.

Bleibt noch der Blick nach vorn: Wie geht es weiter?

Im Parlament reichte 2025 die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider eine Motion ein, die eine solche nationale Anlaufstelle fordert. Der Ball liegt momentan beim Bundesrat, der verschiedene Fragen zu klären hat: Braucht es eine Stelle mit einer solchen Spezialisierung? Wie würde sie finanziert, wo würde sie institutionell angesiedelt?

Und die Beratung von Betroffenen hängt auch mit dem grösseren Ganzen zusammen: In welche Richtung geht es bei der Plattformregulierung? Braucht es für Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und Deepfake-Pornografie auch neue Straftatbestände? Diese Diskussion dürfte andauern - besonders auch wegen dem Aus von Netzcourage.

Der Aufstand der indischen Jugend — in Form von Kakerlaken.

Fast über Nacht ist die Kakerlake in Indien zu einem Symbol der frustrierten Jugend aufgestiegen. Innerhalb weniger Tage hat die “Kakerlaken-Partei” Millionen von Anhängerinnen und Anhängern im Internet mobilisiert und es auch in nationalen Zeitungen auf die Titelseite gebracht.

Gegründet wurde die Partei von Abhijet Dipke, indischer Student und Experte für strategische Kommunikation, vor gut einer Woche auf Social Media. Es war als Satire gemeint, als eine Reaktion auf die umstrittene Äusserung von Indiens höchstem Richter Soraya Kant.

Dieser hatte während einer Anhörung vor Gericht arbeitslose junge Leute mit Kakerlaken und Parasiten verglichen, die in den Journalismus oder Aktivismus abdriften, um die Regierung zu attackieren. Auch wenn der Richter Kant später klarstellen, dass er nur junge Leute mit gefälschten Abschlüssen gemeint habe: Für Schadensbegrenzung war es schon zu spät. Social Media war plötzlich voll mit bissigen Kakerlaken, Kommentaren, Parodien und Popsongs. Der Richter hatte einen wunden Punkt getroffen.

In Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, sind fast 40 Prozent der unter 30-Jährigen mit Universitätsabschluss arbeitslos. Die Jungen seien frustriert und wirklich sauer auf die Regierung, sagt der Kakerlaken-Parteichef Abhijeet Dipke, der plötzlich auch im Rampenlicht steht. Die Jungen wüssten nicht, wohin mit ihrem Frust.

Dass die Satire-Partei an Fahrt aufnimmt, macht Premierminister Narendra Modi offenbar nervös. Nach den erfolgreichen Gen-Z-Protesten in Nachbarländern wie Bangladesch und Nepal mag Modi befürchten, dass ihm Ähnliches in Indien bevorstehen könnte.

Diese Woche liess die Regierung den X-Account der Kakerlaken-Partei sperren. Nur Minuten später eröffnete Parteichef Dipke einen neuen Account unter dem Motto “Die Kakerlaken sind zurück”. Und es sieht nicht so aus, als würden sie allzu schnell wieder verschwinden.

Israel und die Gaza-Flotille.

Zu Wochenbeginn sind in internationalen Gewässern vor Zypern mehr als 400 Aktivist:innen von der israelischen Armee gefangen genommen worden. Sie waren Teil der jüngsten Global Sumud Flotille, die die militärische Blockade des Gazastreifens durchbrechen wollte. Der Grossteil der Aktivist:innen stammt aus Europa. Die israelische Marine hatte rund 40 Schiffe der Flotille in internationalen Gewässern im westlichen Mittelmeer aufgebracht. Dabei hatten die Soldaten die Besatzungen zunächst mit Funksprüchen dazu aufgefordert, den Hafen von Aschdod statt Gaza anzulaufen, Einsatzboote hatten die Schiffe bedrängt und Kommandoeinheiten diese schliesslich geentert. Dabei sollen die Soldaten auch mit gummiummantelten Patronen gefeuert haben.

Besonders für internationales Aufsehen sorgte ein Video des israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir.

“Freiheit für Palästina” ruft eine Aktivistin, bevor ein Polizist sie am Kopf packt und zu Boden drückt. Dann schwenkt die Kamera auf das Gesicht des Ministers, der grinsend durch die Menge marschiert. Auf weiteren Aufnahmen aus dem Auffanglager im Hafen von Aschdod ist er mit überdimensionierter israelischer Flagge zu sehen, vor ihm Hunderte gefesselte Aktivist:innen, zusammengekauert, die Hände auf den Rücken gebunden. Der Minister ruft: “Willkommen in Israel, wir sind hier die Hausherren.”

Das Video hat international Empörung ausgelöst. Mehrere Aussen­minister haben die jeweiligen israelischen Botschafter einbestellt, darunter Frankreich, Polen, Spanien, Italien und die Niederlande. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) äusserte «Bedauern über die unannehmbare Behandlung» und fordert Israel auf, die internationalen Verpflichtungen etwa bezüglich humaner Haftbedingungen einzuhalten. Auch in Israel stösst das Video auf Ablehnung. Der israelische Aussenminister warf seinem Kabinetts­kollegen auf X vor, er habe Israel «mit diesem beschämenden Auftritt wissentlich Schaden zugefügt». Selbst der israelische Premier­minister Benjamin Netanyahu distanzierte sich.

Einen Bruch mit dem verurteilten Extremisten in seinem Kabinett kann er dagegen nicht riskieren. Ben-Gvir könnte für ihn nach der Wahl in diesem Jahr wieder zu einem entscheidenden Mehrheitsbeschaffer werden.

Und das war es für diese Woche von uns. Schön warst Du heute mit dabei.



Weekly 21/2026

Mit Informationen von: srf.ch, republik.ch, spiegel.de

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Oli Wingeier

Oli, findet alles Neue spannend und erstmal gut, ausser die neuen Rechten. Duscht jeden Morgen zu lange, besitzt mehr als tausend Notizbücher und zu viele Gedanken (oder umgekehrt).
Für rethink wühlt er sich jede Woche durch etliche Nachrichten und kreiert dann daraus eine Zusammenfassung der wichtigsten News. Zu lesen und hören als “Weekly”

https://instagram.com/oli.wingeier
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